Verständnis

am 14.06.2008 aus dem Hier und Jetzt trinken Mate wetter 404

Fast hätte ich "Mitgefühl" geschrieben, aber das klingt ein bißchen wie aus einer Predigt.

Eine Sache weswegen mich Menschen oft als "assig" empfunden und es mir in sehr seltenen Fällen sogar mitgeteilt haben, ist diese Mitgefühls-/Verständnis-Sache.

Ich weiß, dass es für die meisten meiner Leser "absolut selbstverständlich" ist, aber ich muss zugeben: Die Einsicht, dass es jemand anderem zum Beispiel wehtut, wenn man ihn schlägt, finde ich schon eine beinahe ungeheure Transformationsleistung.
Andere nicht aufgrund sozialer Verhaltenskonventionen ("Man schlägt andere nicht.") nicht zu schlagen, sondern weil man weiss, dass die ähnlich wie man selbst funktionieren, und man daraus, dass es einem wehtut wenn man geschlagen wird, schließen kann, dass es denen auch wehtut ... und dass man dann auch noch das Schlagenwollen und Selbstabernichtgeschlagenwollenwürden gegeneinander abwiegt und sich zugunsten von Letzterem entscheidet - ja, das finde ich eine Leistung.

Ohne das entsprechende Hintergrundwissen zu haben, nehme ich mal an, dass man das lernt, wenn man noch klein ist. Sekundäre Sozialisation oder so. Dieses konkrete Sich-In-Andere-Hineinversetzen. Nicht dadurch, dass einem das jemand so lange sagt bis man es verstanden hat, sondern einfach durch Erfahrung.

Und manche lernen das nicht. Und später ist es, glaube ich, sehr viel schwerer zu lernen. Zumindest für mich. Weil ich, und ich nehme an das geht anderen auch so, seit ich nicht mehr Kleinkind bin, über Menschen zum größten Teil gelernt habe, wie anders sie sind. Also, anders als ich. Sie haben andere Eltern, essen andere Sachen, haben andere Geschichten vorgelesen bekommen. So Zeug.

Ich weiss das klingt jetzt für viele wieder bescheuert aber: Ganz offensichtlich funktionieren viele Menschen in vielen Dingen anders als ich. Diese Transformation, dass sie etwas verletzt, was mich verletzen würde, ist also schwieriger. Und, weil ich das eben nicht so gelernt habe, ist es auch nichts, was automatisch passiert. Ich müsste mich schon ganz bewusst fragen: Wenn jemand das zu mir sagen würde, wäre ich verletzt? Und warum? - Und seien wir mal ehrlich, gerade wenn man so ohne zu denken redet wie ich meistens ... nein, da passiert das nicht. Hin und wieder merke ich hinterher, dass etwas nicht ganz angebracht war und mache mir Gedanken, aber ich fürchte, oft passiert gar nichts.

So viel also zu der Situation wie ich sie - etwas übertrieben vielleicht - sehe. Und nein, natürlich sage ich niemanden "Du siehst scheisse aus", weil man das nicht macht. Ich bin angepasst genug, aber eben eher aufgrund der erwähnten Konventionen die man so mitbekommt. Weniger weil ich mich in andere hineinversetze. Denn das tue ich in vielen Fällen nicht.

Ich konnte das nicht, als der Hund meiner Grundschulfreundin gestorben ist. Sie fand es scheisse, dass ich keine Anteilnahme zeigte. Aber ich kannte den Hund nicht, ich hatte nie einen Hund, ich konnte auch unter Anstrengung kein Mitgefühl aus mir herauspressen, weil ich nicht die geringste Ahnung hatte, wie es ist, wenn jemand stirbt der einem nahesteht. Ich habe ihr das auch gesagt. Sie hat das nicht verstanden.

Später ist mir etwas ähnliches passiert in einem Alter in dem ich mit etwas Fantasie hätte erahnen können sollen wie es ist, aber ich war "assig" genug es hartnäckig zu ignorieren und mich nur mit meinen eigenen Problemen zu beschäftigen. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass ich mir noch öfter nicht erlaubt habe, Mitgefühl zu entwickeln, weil es um Dinge ging, vor denen ich so Angst hatte, dass ich mich nicht damit beschäftigen wollte, dass diese Dinge passieren.

Aber neulich ist mir endlich etwas passiert, das mir gezeigt hat, dass ich nicht so Mitgefühl-Unfähig bin wie ich es gerade dargestellt habe. Jemand schilderte mir ein unschönes Erlebnis und ... Himmel. Es war so ich. Ich meine, es war wie all die furchtbaren Dinge, die mir passieren. Psychoschmu. Offenbar lebt sie in einer ganz ähnlichen Welt wie ich. In einer, der sie unterstellt dass sie böse und gegen sie ist, ja - über den Teil muss ich noch nachdenken, hat mir auch etwas Selbsterkenntnis beschert. Jedenfalls, während sie erzählte, sah ich es genau vor mir. Es war eine blöde Aneinanderreihung von Situationen, die ich selbst schon erlebt habe und in oder nach denen ich in Tränen ausgebrochen bin.

Als sie geendet hatte, war ich ganz verwirrt im Kopf, ein bißchen als wäre es wirklich mir passiert. Ich musste mir sagen: Keine Angst, ist jetzt vorbei, und ist nicht Dir passiert, keine Angst. Aber mitgenommen hat es mich, ja. Ich wollte sie umarmen. Aber so gut kennen wir uns dann doch nicht.

Schade, dass dieses bewusste Mitgefühl-Erlebnis nicht dazu geführt hat, dass ich der, die mir dazu verholfen hat, etwas zurückgeben konnte. Aber das lerne ich als nächstes.