Und dann die Schnürsenkel

am 14.07.2009 aus dem Hier und Jetzt hören Tatort trinken Roter Wein wetter Abendsonne

Alles begann mit meiner Fahrt in einem Regional-Express und einem im Grunde recht sympathischen Schaffner.

Ich bin nicht sicher, welche Probleme ein Mensch hat, wenn er die Tatsache, dass ein anderer Mensch Schnürsenkel in zwei verschiedenen Farben trägt, als derart bemerkenswert empfindet, dass er seine süffisante Verwunderung (etwa "Das kannst du doch unmöglich mit Absicht tragen und Ernst meinen, junges Fräulein.") laut äussern muss.

Dass es mein Problem ist, dass ich mir darüber Gedanken mache und nicht umhin komme mich hier darüber auszulassen, weiß ich hingegen wohl. (Ich bin Bloggerin. Ich serviere den Menschen im Internet meine erbrochenen Gedanken als Frühstück. - Aber hey, noch haben sie keine Störung erfunden, in deren ICD-10-Definition "bloggen" vorkommt.)(Sollte das noch geschehen hoffe ich zumindest, dass der zugehörige Wikipedia-Eintrag einen Link auf mein Blog beinhalten wird.)

Ich hätte gerne ein Wort für diese Menschen, die jede Abweichung die sie an anderen entdecken, bezeichnen müssen um sich ihrer eigenen (manchmal traurigen) Angepasstheit zu versichern. Auch für die, die mich schon zur Seite genommen haben, um mir zu erklären, dass sie auch einmal jung waren, ihrem Haupthaar lustige Farben verpasst haben und glaubten sie würden nie so werden wie sie heute sind. Die mir dann versichern, dass es nichts Schlechtes sei. ("Surly Adopter", vielleicht.)

What the fuck is wrong with you people?

Nein, natürlich ist es nichts Schlechtes. Warum glaubt ihr, dass die Art wie ich mich kleide ein Statement sei oder pubertäre Rebellion - oder irgend etwas, das über den Ausdruck meines persönlichen Geschmacks hinausgeht? Und warum glaubt ihr, dass dieses "Statement" beinhalte, dass ich euren "Style" und/oder den "Mainstream" beschissen oder spießig fände?

Leute, Mainstream ist okay. Ihr seid okay. Seid versichert, Emiliana Torrini und der neue 3suisses-Katalog sind wunderbar.

Wenn sich ganz gewöhnliche, sympathische, angepasste Menschen mir gegenüber anfangen zu rechtfertigen (genau so, übrigens, wie es einige Fleischesser gerne gegenüber Vegetariern tun, in einem Tonfall, der verrät, dass sie selbst glauben im Unrecht zu sein und auf Verständnis und Absolution hoffen), macht mich das nachdenklich.

Ich bin euch nicht böse, wenn euer Style zufällig dem Mainstream entspricht. Und noch viel weniger, wenn ihr zu faul oder ängstlich seid, etwas anderes zu tragen, als das, was alle tragen. Im Gegenteil, Faulheit, Angst und Gleichgültigkeit verstehe ich so gut, dass ich Consultant dafür werden würde, wenn mich jemand dafür bezahlte. Ihr seid nicht weniger aussergewöhnlich und ich mag euch nicht weniger, nur weil ihr eure Kleidung bei S. Oliver oder H&M kauft und das Radio anmacht, wenn ihr nach Hause kommt.

Aber (oh ja, ich weiß diese Bitte ist vollkommen unmöglich zu erfüllen, denn das Erkennen von Regelmäßigkeit und Abweichung ist natürlich, nützlich, unmöglich zu verbieten) hört verdammt nochmal damit auf, auf meine "Andersartigkeit" hinzuweisen als hätte ich einen Pickel im Gesicht. Ich bin, wie ihr. Nur so ein Zweibeiner, der glücklich werden möchte.

P.S.: Ja, ich weiß. Ich komme nach Berlin. Dahin, wo alles besser sein soll. Bald.



P.S.S.: Ein nachträglicher Disclaimer ist eventuell angebracht. Ich kleide mich mittlerweile derart gewöhnlich, dass mich mein früheres Ich dafür beschimpfen würde. Und manchmal tut es das. Mir gelingt es nicht mehr, den Mut und die Nerven aufzubringen die nötig wären um mich in meiner gegenwärtigen Umgebung und Verfassung so zu kleiden wie ich möchte. Ich beneide jeden, der es tut und häufiger als ich hier zugben möchte ertappe ich mich bei dem, was ich anderen hier vorwerfe. Es tut mir leid.