macht man so

am 18.03.2009 aus einem Notizbuch voller unbeantworteter Fragen trinken Grüner Tee. wetter Ja, endlich mal wieder.

Macht man so. Da weisse Bescheid. Zum Beispiel im Zug. Die geheime Regel hier ist vermutlich, dass man so tut als ob niemand anders da wäre. Damit schafft man sich eine So-tun-als-ob-Privatsphäre. Die aber leider schon bei dem Gegenteil von Beinfreiheit endet.

An manchen Tagen finde ich das beinahe unheimlich. Auf jeden Fall aber ein klein wenig schizophren. Und das, obwohl ich der letzte Mensch bin der fremde Menschen sehen, geschweige denn mit denen zusammen eingesperrt werden möchte. Und das, obwohl ich auch gar keine Lust habe, auch mit denen noch Begrüßungsrituale zu veranstalten. Aber warum sind die Regeln sozialen Zusammenlebens derart inkonsistent?

Also kein wohlwollendes Begrüßungsgemurmel wie im Wartezimmer. Man muss die Menschen um sich herum ignorieren. Das ist gar nicht so leicht. Anstrengend, manchmal. Manches, was man sich woanders antrainiert hat, zum Beispiel "Gesundheit" zu sagen wenn jemand niest (ja, ich weiß, dass ist out - da der kranke Mensch eine Belästigung ist, hat er sich neuerdings zu entschuldigen; man wünscht ihm keine Besserung) macht man nicht. Vermutlich wäre es kein Fauxpas, "Gesundheit" zu sagen, aber tatsächlich habe ich es noch nie erlebt. Auf ein Niesen folgt für mich also immer eine gespannte Stille.

Man tut so, als würde man die anderen nicht wirklich wahrnehmen. Dabei kann man wunderbar beobachten, wie der Mann in Anzug auf der anderen Wagenseite sich in der Nase bohrt (Erleichterung, dass auch "normale" Menschen diesem Hobby fröhnen!). Und man freut sich, dass die Hübsche mit dem blonden Haar an der alles so perfekt gestylt ist, mit offenem Mund schläft. Und man kann ihre nackten Beine anstarren, wenn man mag, ohne dass sie's merkt. Und man erfährt über die Jugend von heute was man nie wissen wollte. Speziell über den Absturz der zugedrogten besten Freundin eines Mädels, das laut in sein Handy spricht. Und wenn sie ihrer Freundin da nun erzählt, was gestern Nacht alles war (denn die kann sich nicht mehr erinnern), dann hört vermutlich der ganze Wagen gebannt zu. Trotzdem ist das nicht unhöflich, denn erstens tut man ja so als würde man nicht hingucken und zuhören und zweitens kann man ja gar nicht anders. (Aber ich glaube auch das ist nicht auf andere soziale Situationen übertragbar. Das muss ich noch untersuchen.)

Es gibt etwa zweieinhalb Ausnahmen, in denen die zombiehafte Wir-ignorieren-einander-so-gut-es-geht-Laune plötzlich umschlägt. Das passiert einerseits bei kleineren Katastrophen und katastrophalen Verspätungen (so geschehen bei der letzten sogenannten "Sturm-Katastrophe": Menschen tauschten sich plötzlich lebhaft darüber aus, seit wann sie von wo nach wo mit welchen unterwegs waren; im ersten Zug, der nach dem Sturm Richtung D. fuhr, realisierte man plötzlich, dass man mit vielen Menschen unterwegs war; ich mochte es). Die andere Ausnahme, die ich öfter erlebe ist, dass Menschen, die sich äusserlich eindeutig als Anhänger einer beliebten Ballsportart zu erkennen geben, gerne nach den aktuellen Spiel-Ergebnissen gefragt werden. In solchen Momenten beneide ich die heimlich. (Vielleicht brauche ich einen "Frag mich doch mal, was im Internet so läuft"-Button.) (Vielleicht aber auch nicht.)

Seinen Höhepunkt findet das Theater in den Zügen die fast ausnahmslos von Pendlern benutzt werden, die auf dem Heimweg sind. Irgendwann zwischen fünf und acht Uhr. Das ist meistens ein Haufen Menschen, der aussieht als ob er nur noch nach Hause möchte und mit letzter Kraft und versteinerter Miene tapfer die Unbilden des Lebens im allgemeinen und der Deutschen Bahn im Besonderen erträgt. Das Schweigen wirkt dann irgendwie verordnet (man sucht mit den Augen schon heimlich nach der strengen Bibliothekarin, die sprechen, essen und trinken verbietet) und täuscht darüber hinweg, dass man sich in einer alten S-Bahn auf vielen Streckenabschnitten der Lautstärke wegen sowieso nur mit Mühe unterhalten kann. Meine Lieblingsszene kommt aber noch: Manchmal wagen es mutige, musizierende Helden so eine S-Bahn mit Akkordeon und Co. zu entern. Ich mag Live-Musik in Zügen. Und Akkordeon sowieso. Viele andere nicht. Deren angestrengtes Bemühen von ihrer Umwelt nichts wahrzunehmen, wird dann auf eine harte Probe gestellt.
Das finde ich lustig.

P.S.: Suche Co-Autoren für die Man-Pages zum real life.

fengor am 18.03.2009:

Bin heute ja das erstemal mit dem Rad zur Arbeit. Die Sonne schien und es ging etwas Wind, war also ganz nett. Auf der Fahrt kam ich an einem aelteren Herrn vorbei der gerade seinen Vorgarten pflegte und mich kommen sah. Auf sein freundliches Moin waehrend ich vorbeifuhr gab es ein Moin von mir zurueck. War zwar nur eine kurze Begegnung mit nem mir unbekannten Menschen aber ich fands schoen.

du siehst Schweigen ist zum Glueck nicht ueberall ;p


Ganayan am 18.03.2009:

*lächelt* Dann hast du aber Glück mit deinem Geschlecht. Die ungeschriebenen Gesetze herauszubekommen, die die Wahl des Urinals in einer öffentlichen Herrentoilette bedingen – basierend auf Abstand zum Eingang, zu den Waschbecken, Sichtlinien und schon besetzten Pinkelplätzen, ist sicher noch verwirrender als herauszubekommen, wie man sich so in Nahverkehrszügen verhält, wie andere das erwarten.

Oder ob man das möchte.


fengor am 18.03.2009:

@Ganayan

och das mit den Urinalen ist ganz einfach. Einfach der Versuch grossmeoglichste Distanz zwischen sich und die andern zu bringen. Hier in D ist die mindestwohlfuehldistanz meist bei mind. 1 freies Urinal dazwischen.

Suedeuropaer sind da meist wesentlich weniger verklemmt als die Deutschen. Da wird dann meist einfach das naechste genommen, auch wenn nebenan schon wer steht.


zebramädchen am 18.03.2009:

Ach ja, das Thema Toilette & Co. wollte ich eigentlich auch noch ansprechen. Zum Beispiel hat sich ein Bekannter neulich geoutet er würde nur auf die Toilette gehen wenn da sonst keiner wäre. Hat mich furchtbar amüsiert. Ich bin zwar kleiner gestreifter Sozialphobiker, aber mit anderen Menschen auf der Toilette habe ich nicht ein solches Problem.

Über Pinkelplätze habe ich mir aber auch schon Gedanken gemacht. Ich glaube, ich habe mich sogar schon mit wem darüber unterhalten.

So oder so: Mehr Unisex-Toiletten!


Ganayan am 19.03.2009:

Mehr? lächelt Ich habe noch keine einzige öffentliche gesehen.


moeffju am 19.03.2009:

Menschen sind schon befremdlich, manchmal, häufig, oft. Dieses Verhalten in allen möglichen Formen der Öffentlichkeit – Bus, Bahn, deren Haltestellen, usw. – scheint mir aber ein relativ Deutschland-spezifisches zu sein. In anderen Ländern redet man einfach miteinander. Dazu muss man sich nicht kennen und oft auch keinen Grund haben. Hier wird man dafür aber eher schief angesehen.


Marenz am 05.11.2009:

Heh, also beim lesen musste ich vorallem an folgendes denken:
http://xkcd.com/610/ der Text hat zwar eine etwas andere Aussage, am es kommt raus was ich meine: Da ja niemand etwas sagt, ist unbekannt wer denn auch so darüber denkt.
Ich für meinen Teil versuche immer recht schnell auf Leute zuzugehen, allerdings kann daß auch wieder manche verschrecken. Tja.

Was das mit dem Urinal angeht: Das hat gar nicht so viel mit Verklemmtheit zu tun, es ist einfach so das nichts fließt. Ich denke, daß das durchaus damit zusammenhängt wie jemand aufgewachsen ist. Ein Freund von mir hat kein Problem damit vor anderen zu Scheissen (Freunde) weil es eben in der Familie ganz normal war. Wenn man aber so aufwächst, daß man, übertriebene Hemmungen entwickelt kann man nicht viel dafür. Übertrieben waren sie bei mir nicht, aber stark genug, so daß ich jetzt auch das Problem habe, daß ich einfach nicht kann wenn jemand zu nah ist. Oder es sehr lang dauert. Ich habe sogar irgendwo mal gelesen, daß über 70% der Männer dieses Problem haben und es durchaus als Krankheit angesehen wird, die auch kuriert werden kann. Durch Übung.

—Marenz


zebramädchen am 06.11.2009:

Das Problem durfte ich schon ein paar Mal miterleben. Und es stimmt, wo es um persönliche Grenzen geht, sind solche “Regeln” schon nicht sooo falsch und irgendwann auch nicht mehr so “obskur”. Wenn sich jemand im Zug direkt neben mich setzt, obwohl gegenüber noch ein Platz frei wäre denke ich mir auch: “wtf!?”.

Aber zu Deinem Kommentar: Übertriebene Hemmungen sind Verklemmtheit und ich hoffe, dass viele später lernen, die abzulegen. Kann man nämlich üben :).