Kommt rein. Es ist offen.

am 14.07.2010 aus einem Schuhkarton verwackelter Momentaufnahmen hören Flugzeug. trinken H20. wetter Warm.

Vor sechs Jahren entdeckte ich meine Zuneigung zu Tausendfüßern. Wenn ich sie beobachtete, machte mich das glücklich. Kitschiger veranlagte Schreiber würden an dieser Stelle von "einer tiefen Liebe" zu den Tieren sprechen, aber das ist mir zu Rosa-Regenbogen-Einhorn. Jedenfalls, ich hatte die Viecher ziemlich gern. Spätestens seit meiner Pubertät spielte auch Musik eine große Rolle in meinem Leben. Und, natürlich, mehr als Tiere und Töne, das Schreiben. Kurz gesagt, ich war jung, begeisterungsfähig und es gab Dinge, an denen ich hing.

Aber dann, irgendwie, nahmen diese Dinge allmählich an Bedeutung ab. Bis sie mir nichts mehr bedeuteten. Und das große, haarige Scheissegal machte es sich in der entstandenen Lücke bequem und zündete sich 'ne Kippe an.

Wenn ich die Tausendfüßer beobachtete, erinnerte ich mich, wie viel Freude mir das mal bereitete, und es tat mir ein wenig leid. Ich hab sie behalten, und gewartet, dass das Gefühl wiederkommt.

Musik bedeutet mir wenig. Ausser an etwa einem Abend alle paar Wochen, wenn sie plötzlich und unerklärlicherweise wieder zu mir durchdringt, als wäre ich 15. Dann klicke ich bei last.fm so oft auf "Skip" bis die richtig guten Tracks kommen. Alles was schlechter als richtig gut ist, wäre Verschwendung, an so einem Abend.

Erst vor ein paar Monaten jedenfalls, wurde mir die Lücke (und die stinkenden Zigarettenstummel des Scheissegals) bewusst. Mir fiel auf, dass ich zwar über eine unerschöpfliche Dose "Kindliche Instant-Begeisterung" für so ungefähr alles verfügte ("Lampions! Boah, wie toll, Lampions!"), aber die hielt durchschnittlich eine Stunde.
Und das war einfach nicht der richtig gute Stoff, sagte ich mir.

Ich jammerte ein wenig vor mich hin, dass mir kaum noch etwas was bedeutete (ausser Essen, natürlich), und wie wenig ich mich langfristig für irgendetwas begeistern konnte, und mümümümümü und überhaupt, wer hatte das Scheissegal zu mir eingeladen und warum war es zu blöd einen Aschenbecher zu benutzen.

Und dann kam ich der Sache langsam auf die Spur. Langsam, denn ich bin manchmal echt schwer von Begriff.

Zum Beispiel: Wie mich das nervt, wenn Menschen etwas ungeheuer wichtig nehmen. Viel zu wichtig. Weil es ihnen ja sooooo ungeheuer viel bedeutet. Wenn diese Bedeutung Ausrede ist, um großes Trarara, unsinnige Anstrengungen, lautes Wehklagen zu rechtfertigen. Oder zum Beispiel: Wie mich das nervt, nie etwas hinzubekommen, fertigzubekommen, richtig zu machen, was mir wichtig ist. Und wie viel einfacher es dann doch ist, mit einem Schulterzucken die "Bedeutet-mir-nix"-Decke drüberzuwerfen, über den unfertigen Haufen und den Gestank der Enttäuschung. War ja nicht so wichtig.

Um die Scrollleiste dieses Textfelds nicht übermäßig zu beanspruchen: Ich war nicht mehr offen. Ich hatte keinen Bock mehr auf Dinge, die mir was bedeuteten. Das Scheissegal war cool, und ich will auch cool sein, und mit den Schultern zucken. Weil das ja alles nicht so verdammt wichtig ist, ne. Wat soll's.

Gewappnet mit dieser Erkenntnis fasste ich die kleine Handvoll Mut die in einem Zebra vorhanden ist und beschloss, ein klein wenig offener zu sein. Nur ein bißchen! Und es klappte. Ich fand einen Song, den ich mochte und der an den meisten Wochentagen bei mir ankam. Nur ein Song, aber hey. (Musik ist überbewertet.) Ich entdeckte meine blödsinnige Liebe zu Zügen. Und die Tausendfüßer machen mich wieder ziemlich glücklich.

Schulterzucken und Loslassen geht übrigens trotzdem. Es tut vielleicht ein bißchen weh, aber mein Gott, Zebra, stell Dich nicht so an.