Imaginäre Freunde

am 24.04.2008 aus einem Schuhkarton verwackelter Momentaufnahmen hören Tippgeräusche trinken Bionade wetter (Jalousien)

Mein imaginärer Freund Ethan ist vollkommen imaginär. Er ist nur als Charakter real, nicht als Mensch. Hin und wieder habe ich aber imaginäre Freunde, die zumindest echte Menschen sind.

Heute zum Beispiel, in der Bahn.

Vielleicht kennt ihr das, wenn man sich in einer relativ "besetzten" Bahn einen Sitzplatz sucht. Die Glücklichen, die schon früher eingestiegen sind, haben sich jeweils ein Vierer-Plätzchen zu eigen gemacht. Sie hatten die freie Wahl. Nun steigt man ein und muss - wie nicht selten im Leben - aus der eingeschränkten Auswahl seinen Platz wählen.

Es ist immer ganz interessant zu beobachten, wer sich da wo hinsetzt. Und niemand kann mir erzählen, er würde da zufällig wählen.

Ich sortiere nur die aus, die wirklich gefährlich aussehen: Fußballfans in Kluft, Senioren mit grünen Filzhüten and Edelweiss-Stickereien, Kinder und Jugendliche. Andere Personen, die ich auf den ersten, zweiten und dritten Blick auch nicht besonders mag, werden mir wenigstens nicht gefährlich, und allein aus Neugierde und zur Abwechslung wage ich es auch hin und wieder mich neben die zu setzen - die Tussis mit Louis Vitton-Taschen, die Kerle die als Security-Hoshi am Flughafen arbeiten.

Heute mittag hatte ich Glück: Ich fand jemanden, dessen Äusseres nicht nur keine Warnsignale in meinem Kopf anspringen ließ, sondern der auch noch halbwegs sympathisch aussah. Alternativ, eben - Chucks und khakifarbene Jacke. Ich hatte mich gerade hingesetzt, da kam noch ein Zugestiegener, in dessen Gehirn offenbar ganz ähnliche Mechanismen abliefen. Er setzte sich zu "uns", und so war die Gruppe beinahe perfekt: Drei alternativ-khaki-schwarze Menschen.

Der Kontrolleur muss uns für Freunde gehalten haben.

Ich begann, uns auch für Freunde zu halten. Ich überlegte mir die passenden Namen für meine beiden Freunde, und ein bis zwei Hobbies. Jeweils eine auffällige Angewohnheit, einen groben Musikgeschmack (Juliane bewegte übrigens die Lippen zu der Musik aus ihrem MP3-Player, sie hatte schöne Zähne und hübsche Lippen, aber vielleicht sollte ich das nicht erwähnen).

Ich überlegte, wo hin wir auf dem Weg waren und worüber wir uns gerade unterhalten hatten, bevor wir aufhörten uns zu unterhalten und aus dem Fenster sahen. Ich überlegte mir auch, was wir wohl schon alles zusammen unternommen und erlebt hatten.

Unsere Bahn näherte sich dem Flughafen, und ich begann inständig zu hoffen, dass sie im Tunnel steckenbleiben würde - oder das sonst irgendetwas geschähe, das die Chance eröffnen würde, das wir einander wirklich kennenlernten. Aber die Bahn passierte den Tunnel und ... nichts passierte (ausser, wie gesagt, die Bahn den Tunnel).

Ich betrachtete noch ein paar Momente lang die rote Naht an Julianes schwarzen Schuhen. Dann musste ich aussteigen. Flo nahm rücksichtsvoll seine Füße aus dem Weg. Dass ich nicht "Tschüs, bis bald" sagen konnte, tat nur ein kleines bißchen weh.

An manchen Tagen habe ich noch mehr Glück, dann steigen meine "Freunde" mit mir aus, und ich kann noch ein Stück hinter oder neben ihnen gehen, bevor ich mein Spiel beenden muss.

An solchen Stellen habe ich mich allerdings hin und wieder gefragt, ob es wohl irgendetwas Verwerfliches hat, Menschen so als Projektionsfläche zu "missbrauchen". Ist schließlich nicht viel anders als, nun ... - ich traue mich nicht das Wort in den Mund zu nehmen, ... eine Wichsvorlage. (Puh, jetzt ist es raus - manchmal bin ich ganz schön verklemmt.) An anderen Tagen, an denen ich eine schlechte Meinung von meinem Umgang mit Menschen habe - und vielleicht auch vom Umgang anderer Menschen mit mir, denke ich, dass es ganz gut so ist. Sicherer.