Dings.

am 19.12.2009 aus dem Hier und Jetzt hören Death Rock, Baby. trinken Astra, Wein is' leer. wetter Bitterkalt isses.

Willkommen zu einem Blog-Artikel, den ich einige Monate aufgeschoben habe. Irgendwie schien mir das Thema doch zu groß und ernsthaft für das kleine Blog eines gewöhnlichen Zebras. Aber es hat mich weiterbeschäftigt, und wie's aussieht wird's nicht aufhören. Es hilft also alles nix. Deswegen ist jetzt doch gebloggt: Bitteschön.

Wie fing es eigentlich an?
Lässt sich schwer eingrenzen, es sammelte sich so in mir an: Geschichten übers Jung-Gewesensein, Erzählungen vom Älterwerden, Begegnungen, Gedanken, Visionen (ja, ich weiß, zum Arzt). Vielleicht auch Aufhören-zu-ignorieren-was-wehtut. Vielleicht auch Anfangen-zu-realisieren-warum-es-wehtut.

Neulich, zum Beispiel: Nacht, kurz vor Elf, alles still und Schnee fiel. Es war nur Schnee, aber irgendwie war es, tja, magisch. Und in Gedanken entfuhr es mir: "Ach, wie geil, dass ich das noch erleben darf!" Und dann auch gleich: "Hömma, warum denkst Du das denn jetzt?" - Warum glaube ich, dass ich sterben werde?

Die Tatsache, dass ich sterben werde, und dass die Anzahl der Tage bis zu diesem Zeitpunkt begrenzt ist, begleitet mich. Seit ein paar Monaten, ziemlich lange schon.

Und dann, ein anderes Neulich, noch ein Beispiel: Nacht, vermutlich nach Elf, draussen Sturm, ich im Bett mit zwei Lieblingsmenschen. Gedankliches Bild: Eine dunkle Felsenküste, Sturm, meine Lieblingsmenschen. Und: Die Gewissheit, dass ich eines Tages sterbe, und dass ich entscheide, und ganz bewusst entscheiden sollte, mit wem ich meine Tage verbringe. Jeden Tag. Die Anzahl der Tage ist begrenzt. Man gibt einen Tag nicht einfach weg. Nicht, weil man sich verpflichtet fühlt, oder nett sein möchte, oder irgend so eine Scheiße. (Denkt da mal drüber nach.) (Nett sein kann man immer noch, sollte man zufällig unsterblich wiedergeboren werden.)

Seltsamerweise muntert mich der Gedanke hauptsächlich auf. Wenn er da ist, so wirklich präsent, so richtig "Du wirst sterben" - dann ist es meistens in den guten Momenten. Oder vielmehr: Es macht die Momente gut. Es macht diese Momente ganz "Hier und Jetzt". Es sagt mir: "Wow, ma' ehrlich, ist es nicht un-glaub-lich, dass Du jetzt hier bist? Ist das nicht geil?"

Na gut, ein klein wenig Panik ist auch da, ein klein wenig von dieser Nervosität die nach Midlife-Crisis riecht. In meiner inneren Schreibtischschublade krame ich hektisch nach den Listen ("5 Drogen, die Du probiert haben solltest bevor Du stirbst", "9 Menschen, die Du schon länger ficken wolltest", "6 Träume, die Du als Kind hattest").

Aber vor allem sagt es mir: Das Leben, diese Welt, ist ein riesiges Modell, das Dir ermöglicht, Erfahrungen zu machen. Wertungsfrei: Erfahrungen. Und tot sein bedeutet, diese Möglichkeit nicht mehr zu haben.

Mein Leben fächert sich vor mir auf, ein Flußdiagramm. Die Möglichkeiten sind klar. Manches steht bereits fest. Die Vorstellung 45 zu sein, 60 zu sein - ist irgendwie nicht mehr fremd, irgendwie nicht mehr fern. Das ist eine neue Perspektive, faszinierend, klar. Und: Das macht Angst. Wie ein Sonntag Abend mit viel Spaß, der zu Ende geht; wie wenn man langsam wieder nüchtern wird auf einer Party von der man gehofft hat, sie würde nie enden.

Dieser Moment, in dem man realisiert, dass man nicht mehr das Kind ist, das alles werden kann. - Erinnert ihr euch noch, wann der eintrat? Zum Beispiel: Offenbar bin ich eine Frau und vermutlich werde ich es bleiben. Mit Bedauern stelle ich fest, dass ich wohl keine Musikerin werden werde (weil ich mir übrigens, trotz gelegentlichen Enthusiasmus' nach Drogenkonsum, aus Musik nicht viel mache). Ich werde auch keine Striptease-Tänzerin mehr. Und, na so was, ich bin doch nicht lesbisch. Meine Jugend steht fest: Ich war nie ein Hippie, höchstens im Herzen. Das alles tut ein wenig weh, zugegeben.

Das Seltsame ist, ich habe so lange nach den Geheimnissen gesucht, von denen ich glaubte, dass die Anderen sie vor mir verstecken. Gut, eines habe ich gefunden, es hat tatsächlich Einiges erklärt. Aber das zweite, das hier, die Tatsache, dass wir alle sterben, das erklärt nichts. Nichts. - Na gut, es erklärt ein klein wenig, warum Menschen kleine, garstige Monster in die Welt setzen, ja, selbst ich habe das mittlerweile verstanden. Aber warum lassen all diese Menschen ihre Angst und ihr Sicherheitsbedürfnis gewinnen, haben die meiste Zeit ihres Lebens Sex mit dem gleichen Menschen, versuchen krampfhaft vergangene Dinge festzuhalten anstatt neue zu probieren, zu denen sie nur eine begrenzte Anzahl Tage haben? Unerklärlicher denn je.

Denn ich, ich möchte seitdem alle drei Wochen das tun, was ich tun möchte, bevor ich sterbe. Denn "bevor ich sterbe", das ist genau jetzt, und nur jetzt ist garantiert.
Warum ihr alle noch hier sitzt, warum ihr nicht euer Konto überzieht um auf Fuerteventura surfen zu gehen, und warum ich das nicht tue - Scheiße, das ist mir ehrlich gesagt vollkommen unbegreiflich. Ist es nur weil es Konvention ist, dass wir so tun, als würden wir ewig leben? Ist sie doch, oder?

Wie ist das so, wenn man älter wird? Hattet ihr auch solche Gedanken mit fünfundzwanzig?
Sterben ist ja Tabu-Thema. - Erzählt doch mal, ich will das Krachen hören wenn es bricht, wie so 'ne Hanuta-Waffel.