Chaos

am 21.06.2008 aus dem Hier und Jetzt hören nein trinken Kräutertee wetter error reading from file

In der Küche stapelt sich schmutziges Geschirr. Die sechs Müllsäcke sund glücklicherweise aus dem Flur verschwunden, aber eine Armee Glasflaschen bevölkert immer noch die Küche. Macht aber nichts, ist ja genug Platz.

Die Wohnung sah nie so aus, dass ich sie gerne jemandem gezeigt hätte, aber jetzt ist es noch ein klein wenig schlimmer. Nicht so schlimm, wie man denken möchte.

Aber irgendwie genieße ich es gerade, und ertappe mich sogar an einigen Stellen mit der Idee, es noch ein wenig unordentlicher zu machen. Ein bißchen so, als sei das hier ein Konzeptkunstwerk. Ist es auch ein bißchen. Ein Abbild meines Innenlebens oder so. Alles ist durcheinander, manches ein wenig kaputt, vieles am falschen Platz.

Aber ich muss mich jetzt nicht damit auseinandersetzen. Ich kann es einfach mal liegen und stehen lassen. Und den Topf den ich gerade brauche spülen. Aber ich muss nichts. Es kommt ja niemand vorbei.

Mir gefällt das. Es ist sogar ein Luxus den ich genieße. Ich muss das Geschirr nicht spülen. Das Geschirr ist ungespült und die Welt geht nicht unter. Die Welt geht nicht unter. Das ist wunderbar. Ehrlich.

Ich hoffe, ich werde endlich lockerer. Weniger "ich muss". Dringend.

Ausserdem freue ich mich darauf wenn ich mich aufraffe und es alles aufräume. Von oben bis unten und hinten bis vorne. Mich auch mit den schmutzigsten Töpfen konfrontiere. Die Flaschen wegbringe und den Müll.

Irgendwann werde ich das tun.

Laufen

am 16.06.2008 aus dem Hier und Jetzt trinken Mate, kühl wetter Sonnenbrandgefahr

Ich war joggen. Zum ersten Mal wieder seit einem Jahr. Zum ersten Mal in meinem Leben ganz alleine. Hab' mich überlistet. Ich bin einfach losgegangen. Während mir noch ein garstiges Etwas versuchte einzureden, dass ich das auf keinen Fall tun würde. Nein, würde ich nicht. Bekäme ich ja nicht hin. Hätte ich mir ja schon so oft vorgenommen und es nicht getan. Aber weit kam es nicht, das garstige Etwas, da war ich schon dabei. Pah.

Ich habe mir vorgestellt, dass es wunderbar wäre einen Rhythmus zu finden, nur aus Atmen und Laufen. Ganz ohne Gedanken. Aber die Gedanken blieben da. Es war nur so, als würde ich ihnen nicht mehr zuhören. Sie passierten mehr unbewusst. Ohne dass ich über die Gedanken nachdachte. Geschweige denn sie bewertete. Vielleicht denken andere Menschen so, denke ich mir. Nicht so laut und ausdrücklich, mehr vage und unbewusst. Vielleicht.

Und gut gefühlt habe ich mich auch. Ja.

Hoffentlich klappt's nochmal.

Verständnis

am 14.06.2008 aus dem Hier und Jetzt trinken Mate wetter 404

Fast hätte ich "Mitgefühl" geschrieben, aber das klingt ein bißchen wie aus einer Predigt.

Eine Sache weswegen mich Menschen oft als "assig" empfunden und es mir in sehr seltenen Fällen sogar mitgeteilt haben, ist diese Mitgefühls-/Verständnis-Sache.

Ich weiß, dass es für die meisten meiner Leser "absolut selbstverständlich" ist, aber ich muss zugeben: Die Einsicht, dass es jemand anderem zum Beispiel wehtut, wenn man ihn schlägt, finde ich schon eine beinahe ungeheure Transformationsleistung.
Andere nicht aufgrund sozialer Verhaltenskonventionen ("Man schlägt andere nicht.") nicht zu schlagen, sondern weil man weiss, dass die ähnlich wie man selbst funktionieren, und man daraus, dass es einem wehtut wenn man geschlagen wird, schließen kann, dass es denen auch wehtut ... und dass man dann auch noch das Schlagenwollen und Selbstabernichtgeschlagenwollenwürden gegeneinander abwiegt und sich zugunsten von Letzterem entscheidet - ja, das finde ich eine Leistung.

Ohne das entsprechende Hintergrundwissen zu haben, nehme ich mal an, dass man das lernt, wenn man noch klein ist. Sekundäre Sozialisation oder so. Dieses konkrete Sich-In-Andere-Hineinversetzen. Nicht dadurch, dass einem das jemand so lange sagt bis man es verstanden hat, sondern einfach durch Erfahrung.

Und manche lernen das nicht. Und später ist es, glaube ich, sehr viel schwerer zu lernen. Zumindest für mich. Weil ich, und ich nehme an das geht anderen auch so, seit ich nicht mehr Kleinkind bin, über Menschen zum größten Teil gelernt habe, wie anders sie sind. Also, anders als ich. Sie haben andere Eltern, essen andere Sachen, haben andere Geschichten vorgelesen bekommen. So Zeug.

Ich weiss das klingt jetzt für viele wieder bescheuert aber: Ganz offensichtlich funktionieren viele Menschen in vielen Dingen anders als ich. Diese Transformation, dass sie etwas verletzt, was mich verletzen würde, ist also schwieriger. Und, weil ich das eben nicht so gelernt habe, ist es auch nichts, was automatisch passiert. Ich müsste mich schon ganz bewusst fragen: Wenn jemand das zu mir sagen würde, wäre ich verletzt? Und warum? - Und seien wir mal ehrlich, gerade wenn man so ohne zu denken redet wie ich meistens ... nein, da passiert das nicht. Hin und wieder merke ich hinterher, dass etwas nicht ganz angebracht war und mache mir Gedanken, aber ich fürchte, oft passiert gar nichts.

So viel also zu der Situation wie ich sie - etwas übertrieben vielleicht - sehe. Und nein, natürlich sage ich niemanden "Du siehst scheisse aus", weil man das nicht macht. Ich bin angepasst genug, aber eben eher aufgrund der erwähnten Konventionen die man so mitbekommt. Weniger weil ich mich in andere hineinversetze. Denn das tue ich in vielen Fällen nicht.

Ich konnte das nicht, als der Hund meiner Grundschulfreundin gestorben ist. Sie fand es scheisse, dass ich keine Anteilnahme zeigte. Aber ich kannte den Hund nicht, ich hatte nie einen Hund, ich konnte auch unter Anstrengung kein Mitgefühl aus mir herauspressen, weil ich nicht die geringste Ahnung hatte, wie es ist, wenn jemand stirbt der einem nahesteht. Ich habe ihr das auch gesagt. Sie hat das nicht verstanden.

Später ist mir etwas ähnliches passiert in einem Alter in dem ich mit etwas Fantasie hätte erahnen können sollen wie es ist, aber ich war "assig" genug es hartnäckig zu ignorieren und mich nur mit meinen eigenen Problemen zu beschäftigen. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass ich mir noch öfter nicht erlaubt habe, Mitgefühl zu entwickeln, weil es um Dinge ging, vor denen ich so Angst hatte, dass ich mich nicht damit beschäftigen wollte, dass diese Dinge passieren.

Aber neulich ist mir endlich etwas passiert, das mir gezeigt hat, dass ich nicht so Mitgefühl-Unfähig bin wie ich es gerade dargestellt habe. Jemand schilderte mir ein unschönes Erlebnis und ... Himmel. Es war so ich. Ich meine, es war wie all die furchtbaren Dinge, die mir passieren. Psychoschmu. Offenbar lebt sie in einer ganz ähnlichen Welt wie ich. In einer, der sie unterstellt dass sie böse und gegen sie ist, ja - über den Teil muss ich noch nachdenken, hat mir auch etwas Selbsterkenntnis beschert. Jedenfalls, während sie erzählte, sah ich es genau vor mir. Es war eine blöde Aneinanderreihung von Situationen, die ich selbst schon erlebt habe und in oder nach denen ich in Tränen ausgebrochen bin.

Als sie geendet hatte, war ich ganz verwirrt im Kopf, ein bißchen als wäre es wirklich mir passiert. Ich musste mir sagen: Keine Angst, ist jetzt vorbei, und ist nicht Dir passiert, keine Angst. Aber mitgenommen hat es mich, ja. Ich wollte sie umarmen. Aber so gut kennen wir uns dann doch nicht.

Schade, dass dieses bewusste Mitgefühl-Erlebnis nicht dazu geführt hat, dass ich der, die mir dazu verholfen hat, etwas zurückgeben konnte. Aber das lerne ich als nächstes.

Flow

am 05.06.2008 aus einem Notizbuch voller unbeantworteter Fragen hören Ventilatorrauschen trinken Wasser wetter N. A.

Heute habe ich mich kreativ betätigt. Mein Badezimmerverstaudings mit weißen Punkten beklebt. Einzeln und von Hand: Ein weißer Punkt, noch ein weißer Punkt, hier noch einer, da noch einer, dort noch einer ... so viele weiße Punkte.

Das war ein Spaß. Ich war ganz im Flow.

Und das hat mich dann wieder zum Grübeln gedacht. Ich denke schließlich immer mal wieder darüber nach, womit ich ein bißchen Geld zum Leben verdienen könnte, später. Ich meine, ich muss mich ja nicht für immer oder länger entscheiden, is' klar, ich kann so vieles tun. Aber immer suche ich nach so einer groben Richtung an der ich mich orientieren kann. Und hab' sie immer noch nicht gefunden. Ist aber ein anderes Thema.

Jedenfalls dachte ich mir: Jetzt bin ich ganz im Flow. Es macht großen Spaß. Ich wünschte, ich könnte es den ganzen Tag machen. Ist nicht das erste Mal, dass ich das feststelle. Das letzte Mal habe ich ungefähr drei Stunden lang Wolle um einen Kerzenständer gewickelt. Ich war ein flowiges Zebra, sachicheuch.

Bisher war ich irgendwie davon ausgegangen, dass jeder solche Tätigkeiten befriedigend findet. Ich dachte nur, Menschen würden in der Wahl ihrer Geldverdienaktivität ihre Fertigkeiten oft höher gewichten als was ihnen Spaß macht. Schon allein weil man mit dem Entwickeln von Webapplikationen eben mehr verdient als beim Sortieren von Gummibärchen.

Ich ging rüber und konsultierte meinen Berater für weltliche Angelegenheiten: Ob er es auch so genießen würde, bunte Perlen zu sortieren, weiße Punkte aufzukleben, Kügelchen aufzufädeln ...?

Die Antwort war ziemlich eindeutig.

Also nicht.

Jetzt wollt ihr mir sicher sagen, dass ich nicht im Ernst mehrere Stunden täglich bunte Perlen sortieren möchte oder so. Aber hey, ich habe mal sechs Wochen lang Kabel konfektioniert. Es war toll. Meine Lieblingsbeschäftigung bestand darin, vier Zentimeter Stücke von einem kleinen milchig-weißen Schlauch abzuschneiden und dann je eine kleine Metallkugel in das Vierzentimeterschlauchstück zu drücken. Aber auch die anderen Arbeitsschritte hatten ihren Reiz. Die bunten Litzen und das Löten und die Schrumpfschläuche. Dabei hörte man den ganzen Tag Radio und ließ die Gedanken treiben.

Gut, das Radio war scheisse. Aber überlegt mal: Beim Kügelchen-in-Schläuche-drücken kann man den ganzen Tag Podcasts und Hörspiele hören. Den ganzen Tag! Man kann nicht behaupten, dass man dabei nichts Neues lernen oder keine neuen Impulse erhalten würde.

Und ihr? Was macht euch Flow?

Menschen lernen

am 27.05.2008 aus dem Hier und Jetzt hören Straßengeräusche trinken Lapacho Orange-Spice wetter schwültrüb

Ich glaube, ich lerne Menschen. Zumindest übe ich.

Ich rede mit Menschen. Manchmal sage ich das Falsche, ziemlich oft zu wenig. Und immer frage ich zu wenig. Aber ich übe.

Woran ich noch arbeiten muss: Es scheint mir einfach nicht zu gelingen, interessiert zu sein. Oder zu wirken. "Nein, wirklich, wie interessant. Was machst Du da? / Wie lange machst Du das schon? / Macht das Spaß?" Brächte ich nicht über die Lippen. Kommt mir immer so geheuchelt vor. Auch wenn andere mich sowas fragen. Kommt mir immer vor, wie so ein Spiel nach abgelesenem Skript. Ich verdrehe dann manchmal innerlich die Augen und denke: Das musst Du mich jetzt fragen, weil wir dieses 'Gespräch'sding veranstalten und das so funktioniert. Und ich muss dazu jetzt Auskunft geben, weil das so funktioniert. Natürlich freue ich mich danach, dass ich halbwegs erfolgreich mit einem Menschen kommuniziert habe. Aber in dem Moment: Innerliches zebroides Augenrollen.

Das soll nicht heißen, dass mich Menschen nicht interessieren. Mich interessieren Menschen. Deswegen lese ich ihre Blogs, ihre Tweets oder beobachte sie in der Straßenbahn.

Aber diese Art der Kommunikation, diese Frage-Antwort-Spielchen, das finde ich so ... unnatürlich. Und manchmal lästig, irgendwie. Wie es mir lieber wäre? Ganz einfach. So wie hier.

Ich erzähle etwas was mich gerade beschäftigt, was mir wichtig ist. Das, von dem ich möchte, dass mein Gegenüber es (jetzt gerade) von mir erfährt. So dass sie oder er mich nicht als erstes nach meinem Studienfach oder meinem Job fragen, und mich im Folgenden primär danach einsortieren muss.

Am Liebsten möchte ich von anderen Menschen auch gerne erfahren, was sie beschäftigt, was sie begeistert und was sie nicht ausstehen können. Aber nicht auf Basis dieser Standard-Frage-Antwort-Spielchen.

Ich weiss: Ich könnte mir neue Fragen ausdenken. Was mich wirklich interessiert. Ich sollte meine eigenen Fragen stellen, dann wäre es nicht mehr geheuchelt. Was ist Dein Lieblingsbuch? Wie sieht Deine Wohnung aus? Erzähl von Deiner Familie. Worauf freust Du Dich wenn Du morgens aufwachst? Dazu müsste ich mich allerdings erst einmal trauen, mich vielleicht einen Moment lang irritiert angucken zu lassen.

Noch lieber wäre mir aber, wenn sich Menschen einfach hinsetzen und erzählen könnten, irgendetwas. Ich glaube, ich würde zuhören.

Dunkelkammer

am 18.05.2008 aus dem Hier und Jetzt hören Skeletal Family trinken Grüner Tee wetter Nachtschwarz

Wieder einmal: Erste Male.

Heute habe ich zum ersten Mal eine Dunkelkammer betreten. Zum ersten Mal die Nase über eine Wanne mit Entwickler gehalten. Zum ersten Mal selbst eines meiner Fotos vergrößert.

Aber noch einmal von vorne. Eigentlich fing es ja schon gestern an.

Erste Hürde: An einen fremden Ort, zu fremden Menschen. Und das an einem Morgen, an dem ich überhaupt keine Lust darauf hatte.

Aber ich hab's getan. Trotz morgendlicher Nervosität und Bauchunruhen. Acht Minuten und Fünfzig Meter vor besagtem fremden Ort und fremden Menschen dann solche Angst, dass ich beinahe in Tränen ausgebrochen wäre. Tief durchgeatmet, ein wenig weitergegangen. Fünfzig Meter am Zielort vorbei. Und plötzlich war es einfach weg. Ich glaube, ich war abgelenkt. Hab' in ein Schaufenster gesehen. Hatte irgendeine Idee. Irgendsoetwas. Und dann war alles halbwegs okay. Umgekehrt, Augen zu und durch. Mit offenen Augen, versteht sich.

Und siehe da, Universum hilft nach: Attraktive und sympathisch gekleidete junge Frau getroffen, die offenbar auf dem Weg zur selben Veranstaltung war. Sie angesprochen. Ein Gespräch begonnen. (Ich! ... Himmel.)

Um es kurz zu machen: Alles wurde gut.

Trotz einer zweiten Hürde, übrigens, die in einer Flasche Wein und einer viel zu grßen Schüssel Pesto gestern nacht um halb eins bestand, was mich drei Stunden Schlaf kostete. Aber endlich gab es mal etwas, was es mir wert schien, doch aus dem Bett zu kommen und die Widrigkeiten stur zu ignorieren.

Zusammenfassend: Alles weniger kompliziert als ich dachte. Dieses Mal auch weniger romantisch. Das liegt daran, dass es sich bei meiner ersten Dunkelkammer weniger um eine Kammer als vielmehr einen Raum mit mehr als einem Dutzend Arbeitsplätzen handelte. Und obwohl so eine Trockenmaschine ein niedliches Geräusch macht, ist es doch viel cooler Fotos an Leinen zu trocknen. Von der vielzitierten Magie habe ich trotzdem etwas abbekommen. Und ein Stück davon eingepackt.

Die Paketfrau

am 16.05.2008 aus dem Hier und Jetzt trinken Espresso wetter Abendblau

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Paketfrau nenne ich nicht Paketfrau, weil sie etwa paketförmig oder paketfarben wäre. Nein, sie ist einfach nur die Inhaberin von etwas, was man meines Wissens als "Copyshop" bezeichnet. (Ich glaube, es ist eine Einrichtung für Menschen, die keinen Drucker besitzen. Aber so ganz hat sich mir Sinn und Zweck der Institution noch nicht erschlossen.) Dort kann man jedenfalls auch seine Pakete abholen. Und deswegen nenne ich die nicht-paketförmige, nicht-paketfarbene Frau "Paketfrau".

Als ich zum ersten Mal zur Paketfrau musste, habe ich mich sehr geärgert, dass ich zur Paketfrau musste. Ich wäre viel lieber zur Packstation gegangen. Die Packstation habe ich lieb. Bei Menschen ist das alles etwas komplizierter. Ausserdem hatte ich einen schlechten Tag. An schlechten Tagen ist mit Menschen meistens alles noch viel schlimmer. Aber nicht immer.

Alles kam anders als befürchtet. Die Paketfrau war nett. Und gesprächig. Ich wechselte ganze drei ganze Sätze mit der Paketfrau und verließ die Einrichtung, die jetzt einen gewissen Sinn für mich ergab, mit meinem Paket, deutlich besserer Laune und stolz Smalltalk mit einem fremden Menschen praktiziert zu haben.

Heute musste ich wieder hin. Und dieses Mal habe ich mich sogar darauf gefreut. Und siehe da, heute habe ich schon beinahe zehn Sätze mit der Paketfrau gewechselt. Sie stimmte vollkommen mit mir überein, dass es heiss sei. Ob ich ein paar Briefumschläge bräuchte, die könne sie sowieso nicht mehr verkaufen. Mein Name sei süß.

Eine wunderbare Sache, so ein "Copyshop" als Sandkasten für sozial unbeholfene Menschen. Und Pakete abholen und kopieren kann man da sogar auch!

Insel

am 08.05.2008 aus dem Hier und Jetzt hören NIN trinken Gunpowder wetter Abendgold

Mein Balkon ist eine Insel. Auf der kann ich ganz ich sein. Mich im Bikini, auf die Filzdecke legen und in den blauen Himmel blinzeln. Walnüsse knacken und die Schalenteile in alle Himmelsrichtungen fliegen lassen. Kleine Käfer willkommen heissen. Die ZEIT um mich ausbreiten. Und schließlich den Kopf drauflegen und einschlafen, zu Blätterrauschen und Bus-Vorbeifahrgeräuschen.

Sommer ist toll; Sommer und Balkon wunderbar.

Kopfkartografie

am 30.04.2008 aus Fragmenten von Träumen hören X-Mal Deutschland trinken Fenchel-Anis-Tee wetter #000000

In meinem Kopf gibt es Orte. Die Straßen sind dort etwas kürzer. Oft auch etwas steiler. Die Orte liegen näher beieinander. Die leeren Räume dazwischen fehlen. Es gibt keine Orte ohne Bedeutung. Es ist eine verzerrte und verdichtete Collage aus Bruchstücken einer inneren Landschaft und Erinnerungen an tatsächliche Orte.

Die Kartografie meiner Träume. Wie generiert mein Kopf bloß diese verrückte Landkarte?

Was mich dabei immer wieder erstaunt, ist, dass ich Orte dort meistens wiederfinde. Und dass sich die bekannten Orte nicht verändern. Mein Kopf benutzt also nicht jedes Mal einen neuen Zufalls-Algorithmus um meine Traumlandschaften zu erzeugen. Vielleicht hat es auch überhaupt nichts mit Zufall zu tun.

Gestern zum Beispiel war ich im Traum in Leipzig. Erst als ich dort war, erkannte ich die Straße wieder: Es war der Ort, an dem ich vor langer Zeit bei einem jungen Mann und seiner Familie gewohnt hatte. Den Traum habe ich nie aufgeschrieben und bis gestern nacht habe ich mich nicht einmal bewusst daran erinnert. Einzelheiten fallen mir erst jetzt ein. Der Traum ist ziemlich genau vier Jahre alt. (Ich glaube mich zu erinnern ihn geträumt zu haben, bevor ich Leipzig zum ersten Mal tatsächlich besucht habe.)

Ich bin oft zu faul, Träume vollständig zu notieren. Dann behelfe ich mir mit groben Übersichtsskizzen der Landschaft, des Hauses, der Räume. Das genügt fast immer, um mir auch die Geschichte dazu wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Am Liebsten würde ich jetzt eine große Leinwand an die Wand hängen und darauf all die Orte anordnen die ich nachts besuche. Bis ich meine Traumlandschaft kartografiert hätte. - Zumindest für die Träume, die in dieser Welt und der Gegenwart angesiedelt sind (wo ich so darüber nachdenke glaube ich fast, dass das der kleinere Teil ist).

Wie Urlaub

am 26.04.2008 aus dem Hier und Jetzt hören Waschmaschine wetter Sonne, im Sinken begriffen

Wir haben einen neuen Duschvorhang.

Ihr glaubt gar nicht, was so ein Duschvorhang alles verursachen kann. Im Kopf.

Der Duschvorhang riecht nämlich nach neuem Schlauchboot. Ich mag Schlauchboot-Geruch.

Als ich heute morgen geduscht habe, hat sich der Geruch von Schlauchboot mit Wasser vermischt. Dazu guckte Sonnenschein durchs Fenster.

Sonnenschein und Wasser und Schlauchboot, das ergibt Urlaub.

Ich hab' die Nase an den Duschvorhang gehalten. Ich habe den nassen Duschvorhang angefasst. Ich wusste gar nicht mehr, wie sich dieses glatte, nasse Plastik anfühlt. Aber es war sofort wieder da: Meer und Luftmatratze! See und Schlauchboot! Barfuß und Gaskocher. Morgen, die mit dem Geräusch des öffnenden Reissverschlusses des Zelts beginnen. - Da könnte ich eine Portion nostalgischer Tränen vergießen. Und eine zweite, aus Sehnsucht nach Urlaub. Und nach der Welt, die in Ordnung war.

Ich erinnere mich, wie ich mir einmal, ganz ohne Wasser in Sicht, die Mühe gemacht habe, das ganze große Schlauchboot aufzublasen. Im Kinderzimmer. Als ich fertig war, bin ich darin eingeschlafen. Ein Schlauchboot eignet sich wunderbar zum Schlafen. Vor allem, wenn es selbst aufgepumpt ist.

Wir haben einen neuen Duschvorhang. Ich mag ihn.

P.S.: Prousts Madeleine ist mein Duschvorhang. Welcher Geruch weckt eure schönsten Kindheitserinnerungen?

Imaginäre Freunde

am 24.04.2008 aus einem Schuhkarton verwackelter Momentaufnahmen hören Tippgeräusche trinken Bionade wetter (Jalousien)

Mein imaginärer Freund Ethan ist vollkommen imaginär. Er ist nur als Charakter real, nicht als Mensch. Hin und wieder habe ich aber imaginäre Freunde, die zumindest echte Menschen sind.

Heute zum Beispiel, in der Bahn.

Vielleicht kennt ihr das, wenn man sich in einer relativ "besetzten" Bahn einen Sitzplatz sucht. Die Glücklichen, die schon früher eingestiegen sind, haben sich jeweils ein Vierer-Plätzchen zu eigen gemacht. Sie hatten die freie Wahl. Nun steigt man ein und muss - wie nicht selten im Leben - aus der eingeschränkten Auswahl seinen Platz wählen.

Es ist immer ganz interessant zu beobachten, wer sich da wo hinsetzt. Und niemand kann mir erzählen, er würde da zufällig wählen.

Ich sortiere nur die aus, die wirklich gefährlich aussehen: Fußballfans in Kluft, Senioren mit grünen Filzhüten and Edelweiss-Stickereien, Kinder und Jugendliche. Andere Personen, die ich auf den ersten, zweiten und dritten Blick auch nicht besonders mag, werden mir wenigstens nicht gefährlich, und allein aus Neugierde und zur Abwechslung wage ich es auch hin und wieder mich neben die zu setzen - die Tussis mit Louis Vitton-Taschen, die Kerle die als Security-Hoshi am Flughafen arbeiten.

Heute mittag hatte ich Glück: Ich fand jemanden, dessen Äusseres nicht nur keine Warnsignale in meinem Kopf anspringen ließ, sondern der auch noch halbwegs sympathisch aussah. Alternativ, eben - Chucks und khakifarbene Jacke. Ich hatte mich gerade hingesetzt, da kam noch ein Zugestiegener, in dessen Gehirn offenbar ganz ähnliche Mechanismen abliefen. Er setzte sich zu "uns", und so war die Gruppe beinahe perfekt: Drei alternativ-khaki-schwarze Menschen.

Der Kontrolleur muss uns für Freunde gehalten haben.

Ich begann, uns auch für Freunde zu halten. Ich überlegte mir die passenden Namen für meine beiden Freunde, und ein bis zwei Hobbies. Jeweils eine auffällige Angewohnheit, einen groben Musikgeschmack (Juliane bewegte übrigens die Lippen zu der Musik aus ihrem MP3-Player, sie hatte schöne Zähne und hübsche Lippen, aber vielleicht sollte ich das nicht erwähnen).

Ich überlegte, wo hin wir auf dem Weg waren und worüber wir uns gerade unterhalten hatten, bevor wir aufhörten uns zu unterhalten und aus dem Fenster sahen. Ich überlegte mir auch, was wir wohl schon alles zusammen unternommen und erlebt hatten.

Unsere Bahn näherte sich dem Flughafen, und ich begann inständig zu hoffen, dass sie im Tunnel steckenbleiben würde - oder das sonst irgendetwas geschähe, das die Chance eröffnen würde, das wir einander wirklich kennenlernten. Aber die Bahn passierte den Tunnel und ... nichts passierte (ausser, wie gesagt, die Bahn den Tunnel).

Ich betrachtete noch ein paar Momente lang die rote Naht an Julianes schwarzen Schuhen. Dann musste ich aussteigen. Flo nahm rücksichtsvoll seine Füße aus dem Weg. Dass ich nicht "Tschüs, bis bald" sagen konnte, tat nur ein kleines bißchen weh.

An manchen Tagen habe ich noch mehr Glück, dann steigen meine "Freunde" mit mir aus, und ich kann noch ein Stück hinter oder neben ihnen gehen, bevor ich mein Spiel beenden muss.

An solchen Stellen habe ich mich allerdings hin und wieder gefragt, ob es wohl irgendetwas Verwerfliches hat, Menschen so als Projektionsfläche zu "missbrauchen". Ist schließlich nicht viel anders als, nun ... - ich traue mich nicht das Wort in den Mund zu nehmen, ... eine Wichsvorlage. (Puh, jetzt ist es raus - manchmal bin ich ganz schön verklemmt.) An anderen Tagen, an denen ich eine schlechte Meinung von meinem Umgang mit Menschen habe - und vielleicht auch vom Umgang anderer Menschen mit mir, denke ich, dass es ganz gut so ist. Sicherer.

Verlorener Geruch

am 21.04.2008 aus dem Hier und Jetzt hören Skeletal Family trinken Gunpowder wetter Sonne

Manchmal denke ich, meine Nase könnte etwas mit meiner verzerrten Realitätswahrnehmung zu tun haben. Die Kausalität ist zwar mit großer Wahrscheinlichkeit andersherum. Aber wenn man zuviel nachdenkt, sehen die Dinge rückwärts beinahe gleich aus wie vorwärts.

Meine Kindheit war voller Gerüche. Die Wiese roch (nach Wiese und vielleicht feucht), der Schuppen roch (nach Holz, Staub, Stroh), das Holz roch (nach Holz), die Garage roch (Öl, Gummireifen, Äpfel), ... Regentonne, Garten, Sofa, Brot meiner Oma, Wäsche auf der Leine, Katzenfutter ... alles roch.

Mir kam Riechen damals nie wie der marginalisierte Sinn vor, zu dem es gemeinhin degradiert wird (ich meine ausserhalb von Belletristik und abgesehen von den beiden Extremen Wohlgeruch und Gestank).

Aber seit meine Kindheit schleichend zu Ende gegangen ist, scheint sich auch der Geruch verflüchtigt zu haben.

Seid ehrlich zu mir - liegt das an der Stadt? An dem ganzen Beton? Am Klima? Oder liegt es eben doch an meiner Nase?

Ich habe nämlich schon neulich an einer Wiese gerochen. Und tatsächlich, sie roch nicht nach Wiese. Und ich dachte noch: Kein Wunder, dass es nicht wie eine echte Wiese wirkt, sie riecht eben nicht wie eine Wiese.

Im Wald habe ich ein Stück Holz aufgelesen. Ich wollte etwas, das nach Holz riecht, um hier am Schreibtisch zu sitzen und daran zu riechen. Aber ich hielt es mir unter die Nase und es roch nicht - nein, ich roch es nicht. Also habe ich es im Wald liegen lassen.

Wenn eine Nase kaputt ist, wo kann man sie einschicken?

fluffig

am 18.04.2008 aus einem Schuhkarton verwackelter Momentaufnahmen hören gedämpft Musik aus Ravens Zimmer trinken Grüner Tee wetter schwarz

Glück ist fluffig. Ich weiss es, es ist mir begegnet.

Das war am Montag.
Ich ging raus auf die Straße und fühlte mich ... fluffig.

Ich hatte keine Angst.

Seltsam, denn ob das Angst ist, das macht, dass ich mich nicht fühle und meine Umwelt als unwirklich und unvollständig wahrnehme, das hatte ich eigentlich noch nicht geklärt. Aber als es weg war, und ich all diese Dinge riechen und fühlen konnte und die Menschen, die an mir vorbeigingen mir einfach egal waren ... da wusste ich: Hey, ich habe keine Angst mehr.

Genauso muss es gewesen sein, als ich kleiner war. Als die Welt für mich noch ein berechenbarer, sicherer Ort gewesen ist.

Dass es seit etwa zehn Jahren mit Ausnahme eines halben, wunderbaren Jahres in meinem Leben höchstens tageweise diese Fluffiness gab, ist traurig. Schlimmer finde ich, dass ich so lange höchstens halbherzige Versuche unternommen habe, etwas dagegen zu unternehmen. Es war mir nie wichtig genug. Dabei weiss ich schon länger, was ich tun müsste ...

An jenem Montag habe ich also beschlossen endlich mit dem Warten aufzuhören, mit dem "mich irgendwie durchschummeln", mit dem Hoffen, dass es irgendwann alles von alleine, ohne mein Zutun, gut wird, mit dem "erst mal Studium irgendwie fertig kriegen, um mich kümmern kann ich mich später" ... mit dem ganzen Schmu.

Ich habe meinen Stundenplan über den Haufen geworfen und sogenannte "wichtige Veranstaltungen" durch Tai Chi und Yoga ersetzt. Ich lese Bücher über das "innere Kind". Ich versuche herauszufinden, was hilft.

Mein Plan ist noch nicht vollständig, aber ein guter Anfang.
Ich würde alles tun für noch einmal eine halbe Stunde fluffiness ohne Angst ...

mit nackten Füssen

am 07.04.2008 aus dem Hier und Jetzt hören Serverlüftungsgeräusch trinken Grüner Tee wetter dunkel

Kommt mir irgendwie ganz unglaublich vor: Ich hatte vor etwas mehr als vier Jahren diese wahnwitzige Idee, dass es unheimlich lustig, vor allem aber unheimlich beeindruckend wäre, wenn ich Bücher in einer verrückten fremden Sprache lesen könnte.

Jetzt, vier Jahre nach dem ich deswegen über vierhundert Kilometer von meiner Familie weggezogen bin und bereits verdrängt habe, warum ich mir all das angetan habe an dem ich jetzt seit Jahren nage, wo ich mich selbst schon über diese Schnapsidee lustig mache und für mich schon ganz andere Pläne habe, jetzt ... jetzt sitze ich zum ersten Mal ernsthaft vor einem Originaltext. (Und komme mir dabei immer noch wie ein schielender Legastheniker in der ersten Klasse vor, aber das überrascht mich nicht wirklich.)

P.S.: Minderwertigkeitskomplexe kompensieren zu wollen ist kein guter Grund Japanisch zu lernen.

Das Essen der Anderen

am 03.04.2008 aus einem Schuhkarton verwackelter Momentaufnahmen hören Ghoultown - Boots of Hell trinken Gewürztee wetter trüb

Den Geruch des Essens fremder Menschen mag ich am Liebsten, wenn ich die Straße runter gehe. Zusammen mit den Küchengeräuschen. Das ist ein bißchen sekundenbruchteil-langes Teilnehmen am intimen Leben Anderer.

Der Geruch ihres Mittagsessen macht mich hungrig darauf, an diesem Leben teilnehmen zu dürfen.

Leuchten

am 28.03.2008 aus einem Schuhkarton verwackelter Momentaufnahmen

Wenn ich wütend bin oder traurig
dann sehe ich mir Kategorie 2877 an
und spätestens dreissig Minuten später ist alles gut.

So eine wundervolle Sache kann eBay tun.

Schlauchbootgeruch

am 15.03.2008 aus dem Hier und Jetzt

Mein Leben scheint so neu und frisch, dass ich beinahe wetten könnte es riecht wie ein eben erst ausgepacktes Plastik-Schlauchboot. Es ist voller neuer aufregender Dinge, die mir erlauben, neue, aufregende Dinge zu tun.

... Aufregend.

Träumen

am 09.03.2008 aus einem Schuhkarton verwackelter Momentaufnahmen

Manchmal möchte ich tatsächlich behaupten es gäbe nichts Schöneres als auf dem Rücksitz eines freundlich vibrierenden Wagens zu sitzen, den Kopf gegen die Fensterscheibe zu legen und am Autobahnrand die schwarzen Bäume in das Dunkelblau des Nachthimmels ragen sehen ... Dazu ein Radiosender, der sogenannte Oldies spielt und in weniger als dreissig Kilometern bin ich weit weg, und mein Leben hier ist nur noch die Erinnerung an einen Traum, den ich versäumt habe aufzuschreiben.

Ich wünschte, ich könnte das jeden Tag haben, mindestens drei Stunden.
Ich wünschte, wir hätten ein Auto.

Alles wird anders

am 09.03.2008 aus dem Hier und Jetzt

Alles wird anders.

Ich bin mir nicht sicher, wo genau es angefangen hat - ob ich es war, die das Universum angestubst und das laut ächzendes Rad in Bewegung gesetzt hat oder ob es das Universum war, das mir einen aufmunternden Arschtritt gegeben hat.

Seitdem jedenfalls treiben das Universum und ich dieses Rad fröhlich an. Herzlich willkommen im Zebramädchen-Frühling.

Seit ich Dinge ändere und sich Dinge ändern habe ich nicht mehr so große Angst davor. Ich habe nicht mehr so große Angst, etwas anders zu machen.

Alles wird anders, meine Damen und Herren - alles wird gut.

Frühlingserbrechen

am 06.03.2008 aus einem Schuhkarton verwackelter Momentaufnahmen

Einerseits kann ich es kaum erwarten, dass die Bäume endlich wieder Grün tragen.
Andererseits wünschte ich, es ginge ganz langsam. Langsam genug, dass ich auf dem Weg zur Uni jeden Tag die Knospen zählen könnte. (Aber tatsächlich sind es schon jetzt mehr als ich zu zählen Zeit habe und sie waren ganz plötzlich da.)

Endlich kann ich sagen, was ich schon lange sagen können wollte: Es wird Frühling!

Ich glaube, jedes Jahr bin ich dankbarer dafür und hab' es noch sehnsüchtiger erwartet als das Jahr davor. - So gesehen liegt ein glückliches Leben vor mir.

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